Ich werde das Stöckchen erst einmal nicht weiterführen. Ich bin zu unbeständig und bekomme nicht mal das regelmäßige Posten auf die Reihe, außerdem ist es einfach nicht sooo relevant.
Dafür bekommt ihr jetzt ein Tidbit Heather Clarke. Meine Prota aus “Durch das Göttertor”.
Der Geruch nach feuchter Erde und jungem Gras mischte sich mit dem Duft frischer Blumen und dem schweren Parfüm der anwesenden Damen. Wolkenfetzen, die vor einem grauen Himmel dahinjagten, ließen die Gräber immer wieder aufglühen, als wären sie in Brand geraten, nur um gleich darauf wieder zu erlöschen. Irgendwo jenseits des Zaunes lachten Kinder. All das atmete Bewegung, ja Lebendigkeit aus, die für eine Beerdigung nicht unpassender hätte sein können. Aber das war in Ordnung. Heather kam sich selbst auch unpassend vor.
Sie beobachtete, wie ein Trauergast nach dem anderen an Adrians Grab trat, um einige Blumen und eine Schaufel voll Erde hinein zu werfen. Die meisten Gesichter waren ihr unbekannt und Heather wurde wieder einmal bewusst, wie wenig sie von Adrians Bekanntenkreis wusste.
„Mein Beileid.“ Heather drückte die dargebotene Hand mechanisch und nickte. Der Mann, der zu der Hand gehörte, sah ein wenig verwundert aus, als habe er eine andere Reaktion erwartet, doch glücklicherweise machte er gleich dem nächsten Gast und der nächsten Hand Platz, ohne Fragen zu stellen. Heather merkte sich sein Gesicht nicht. Und auch keines der folgenden.
„Herzliches Beileid.“
„Ein schrecklicher Verlust.“
„Ich fühle mit Ihnen.“
Heather fragte sich, ob das die Wahrheit war. Keiner von diesen Gästen war mit Adrian verheiratet gewesen, hatte mit ihm zusammengelebt, viele Jahre seines Lebens geteilt. Wie konnte irgendjemand glauben, dass er mit ihr fühlen konnte?
Einen Moment lang war sie versucht, genau das auszusprechen, doch dann musste sie feststellen, dass sie nicht mehr wusste, wer diese Worte zu ihr gesagt hatte. Ein paar der Trauergäste, die schon an ihr vorbeigezogen waren, standen nun herum und sahen Heather unsicher an.
Sie konnte sie gut verstehen. Vermutlich wurde etwas Anderes von ihr erwartet, als wie versteinert da zu stehen, das Grab anzustarren und die Hände um den Veilchenstrauß zu krampfen. Angemessen wäre es, jetzt auch nach vorne zu treten und ihren Abschied von Adrian zu nehmen. Außerdem musste sie das hier doch hinter sich bringen, damit sie alle endlich zum Leichenschmaus fahren konnten. Doch Heather fühlte sich nicht in der Lage, auch nur einen Finger zu rühren. Es war, als seien ihre Füße mit der Erde verwachsen, seit sie sich hierher gestellt hatte, um die Grabrede anzuhören.
„Auch mein herzliches Beileid, Mrs. Clarke.“ Dieses Mal kannte sie das Gesicht. Natürlich. Pastor Skene hatte Adrian und sie vor fast genau zehn Jahren getraut und seitdem hatten sie ihm jedem Sonntag in der Kirche zugehört. Ihm musste sie antworten.
„Vielen Dank.“ Es kam ihr so vor, als würde sie die Worte auswürgen. „Danke auch für die schöne Predigt.“ Im Grunde genommen wusste sie jetzt schon nicht mehr, was er gesagt hatte.
„Wenn ich irgend etwas für Sie tun kann, Mrs. Clarke. Auch in den nächsten Tagen … Sie wissen, ich bin für Sie da.“ Er hielt ihre Hand immer noch in seiner. Eine angenehme Wärme ging von ihm aus. Wahrscheinlich wollte er ihr wirklich helfen, aber Heather fühlte sich zu betäubt, um jetzt schon auf sein freundliches Angebot einzugehen. Jetzt, wo die Beerdigung vorbei war, blieb nur noch eine seltsame Lähmung zurück, die sogar von Heathers Gedanken Besitz ergriffen hatte.
Seltsam eigentlich, in der Zeit direkt nach Adrians Tod, als sie dieses Begräbnis vorbereitet hatte, war sie so aktiv gewesen. So viel gab es zu erledigen, zu bedenken, zu regeln, dass sie überhaupt nicht dazu gekommen war, über ihren Verlust nachzudenken. Sie hatte ein paar Tränen vergossen, als sie an Adrians Bett gesessen und seine Hand gehalten hatte, aber dann hatte sie all ihre Entschlusskraft zusammen genommen und damit begonnen, sich um alles zu kümmern.
Jetzt war das vorbei und Adrian immer noch tot.
Heather starrte das Grab an und versuchte, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Am Rande ihres Bewusstseins nahm sie wahr, wie der Pastor sich leise entfernte, doch Heather blickte nicht auf. In ihrem Kopf drehten sich immer wieder die gleichen Gedanken umeinander. Adrian. Tot. Adrian würde nicht wieder kommen. Heather war jetzt eine Witwe.
Die Witwe Clarke. Heather testete den Klang dieser Wörter, indem sie sie lautlos mit den Lippen formte. Es war ein eigentümliches Gefühl, beinahe wie nach ihrer Hochzeit, als sie auf einmal Adrians Namen getragen hatte.