Diese Spielzeit haben mein Mann und ich uns ein Theaterabo geleistet, eine gute Entscheidung, denn die Inszenierungen des Aachener Theaters finde ich persönlich sehr gelungen. Zwar müssen wir uns die lange ersehnte Dreigroschenoper doch noch mal einzeln ansehen - sie ist im Abo nicht in enthalten - doch wir waren inzwischen in “Nathan der Weise” und - gestern - in der Zauberflöte.
Die Zauberflöte habe ich als Kind einmal gesehen und damals als wunderbare Abenteuergeschichte empfunden, alles, was man eben haben möchte als abenteuerlustiges Kind: ein Prinz mit Zaubergegenstand, der wilde Prüfungen bestehen muss, um das Mädchen zu bekommen. Dazu ein komischer Sidekick (okay, damals kannte ich das Wort noch nicht) und eine böse Königin. Vorgeprägt war ich dazu noch von meinem Bruder, der mir die Handlung etwas vorher ebenfalls als spannende Geschichte aufbereitet erzählt hat.
Ich weiß nun nicht, ob es an der Inszenierung lag oder daran, dass ich nicht mehr sieben Jahre alt bin, aber gestern ging ich sehr nachdenklich aus der Oper. Ich hatte wirklich Spaß, ja, aber dieses Mal musste ich doch … nun ja … Kritik an Tamino und Sarastro üben. Keiner von beiden sieht sich genötigt, der armen Pamina zu erklären, was eigentlich vorgeht, kein Wunder, dass sie die Krise bekommt und sich schließlich umbringen will. Alle Emotionalität ist von Seiten der Männer (ausgenommen Papageno, zu dem komme ich gleich) völlig ausgeschaltet, niemanden interessiert es, dass der Mann der Königin der Nacht die Herrschaft einfach an Sarastro gegeben hat und seiner Frau sagte, sie solle dem gehorchen, der würde den Staat wie ein Mann (!) leiten. Ich wäre auch angepisst, also ganz ehrlich.
Tamino ist nur ein Spielball und macht einfach alles, was man ihm sagt, er kämpft überhaupt nicht gegen sein Schicksal und lässt sich schließlich von den Freimaurern (nun, sie heißen nicht so, aber das sind sie doch wohl) in ihre Reihen aufnehmen. Dafür bekommt er die kläglichen Reste dessen, was einmal Pamina war, eine Frau mit eigenem Willen, die aber von allen im Stich gelassen wurde.
Tja.
Den Sieg der Vernunft über die Natur, des Verstandes über das Herz. Das war es, was ich gestern gesehen habe. Und ich frage mich, ob das in dem Stück so gemeint war, beziehungsweise dermaßen deutlich angelegt war, wie es die Inszenierung zeigt, oder ob ich einfach Gespenster sehe. Jedenfalls ist der Prinz Tamino lange nicht mehr so edel in meinen Augen wie damals.
Eines hat sich nicht geändert: mein heimlicher Held bleibt Papageno. Gestern war er der einzige (Mann), der sich nichts vorschreiben ließ, der sich auf seine Intuition und Gefühle verließ - und der trotzdem sein Mädchen bekommt, auch wenn man ihm vorher einzureden versucht hat, dass er wilde Prüfungen zu bestehen hätte. Im Grunde sehe ich ihn als den einzigen Gewinner des Stückes - Tamino ist ein Schwächling, Pamina emotional niedergemacht, die Königin der Nacht gedemütigt. Papageno tut was er will und ist einfach er selbst. Sehr erfrischend.
Okay, lag vielleicht auch daran, dass der Schauspieler von Papageno den Tamino astrein an die Wand gespielt hat. Oder daran, dass ich einfach was für schräge Typen übrig habe.
Nun, keine tiefgehenden Überlegungen, aber irgendwie musste ich die mal festhalten.
Und wie werde ich jetzt diesen Ohrwurm wieder los?
Related Articles
1 user responded in this post
Oh, das ist ja interessant, das sehe ich jetzt erst!
Ich wünsche mir auch, irgendwann mal einen kritischen Zauberflöte-Roman zu schreiben.
Ich war auch immer der Meinung, dass es in der “Zauberflöte” irgendwie um Unterdrückung geht, nicht nur der Unterdrückung von Frauen durch Männer. Und das Kritische ist, dass diese Unterdrückung gebilligt wird. Was Tamino bei seinen Prüfungen lernt, ist vielleicht gerade das Verkehrte. Diese Oper fordert uns heraus, finde ich, sie zu hinterfragen, wie du es hier ja auch machst.
Leave A Reply