Rabenfeder

Bücher, Seifen und das wahre Leben

  • Home
  • California Frenzy
  • Die Rabenfeder
  • Spielmannsfluch

21

Oct

California Frenzy

Posted by Rabenfeder  Published in Rabenfeder

Das erste Kapitel aus meinem ersten Versuch für eine Fantasy-Romance. Sie spielt im Wilden Westen, zur Zeit des Goldrausches. Ich hätte das Buch unheimlich gerne geschrieben, denn ich liebe den amerikanischen Westen, aber leider glauben Verlage nicht daran, dass Frauen Western lesen. Gut, irgendwann schreibe ich es trotzdem. Aber bis es so weit ist, freuen sich vielleicht ein paar Leser an diesem Kapitel.

Kapitel Eins

Ein Gesicht starrte sie aus dem Staub heraus an. Franja blieb stehen, blinzelte zweimal und das Gesicht löste sich wieder in sanfte Schleier auf. Ärgerlich schüttelte sie den Kopf und stieg rasch die wenigen Stufen zum Laden hinauf.
Dämmrige Kühle umfing Franja, als sie in den General Store trat. Sie war froh, der Hitze und dem Dreck auf der Straße endlich entkommen zu sein, vor allem aber dem Staub mit seinen endlosen Mustern, die er über die Straßen von Blue Springs zeichnete. Er machte ihr Angst, und das war nichts, das sie gerne zugab.
Die Enge zwischen den vollgestopften Regalen und dem Küchengerät an den Wänden hatte etwas Beruhigendes an sich, nur der ausgestopfte Büffelkopf über der Theke schien sie aus seinen gläsernen Augen zu beobachten. Franja starrte zu ihm hoch und war sich für einen Moment nicht sicher, ob er sich bewegt hatte. Sie schüttelte leicht den Kopf und versuchte zum wiederholten Mal, diese Visionen loszuwerden. Diese fremdartige Wahrnehmung, als stecke da noch eine zweite Frau in ihrem Körper, die die Welt mit ganz anderen Augen sah als sie selbst.
„Guten Morgen, Miss Eiriksson, was kann ich heute für Sie tun?“ Die Stimme von Mr. Lockley schreckte sie auf. Sofort versteifte sie sich und atmete tief durch. Fassung bewahren, Franja!
Lautlos wie ein Geist war er war aus der Tür hinter dem Verkaufstisch aufgetaucht. Seine blasse Haut leuchtete schwach im Dämmerlicht. Schon immer war er Franja ein wenig unheimlich gewesen, aber heute, wo hinter seinem Gesicht noch ein zweites durchzuschimmern schien, konnte sie seinen Anblick kaum ertragen. Sie zwinkerte ein paar Mal angestrengt, und schließlich gelang es ihr, das zweite, das fremde Gesicht aus ihrem Blickfeld zu bannen und ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihn zu richten.
„Guten Morgen, Mr. Lockley.“ Sie zwang sich zu einem herzlichen Lächeln und reichte ihm den Einkaufszettel. Er nahm ihn entgegen und überflog ihn.
„Brot backen, heute?“, bemerkte er und zwinkerte ihr über den Rand des Zettels hinweg zu. Franja lächelte weiter, freundlich aber distanziert. Einen Moment lang sah Mr. Lockley sie weiter an, als warte er auf eine Erwiderung. Doch als Franja nicht reagierte, wandte er ihr den Rücken zu und begann, die Regale hinter der Theke nach ihren Waren zu durchsuchen.
Erleichtert ließ sich Franja gegen eines der großen Fässer sinken und schloss für einen Moment die Augen. Ihre Füße schmerzten von der heißen Straße, aber noch schlimmer war, dass ihre Gedanken einfach nicht zur Ruhe kommen wollten, sie schwirrten umher wie aufgescheuchte Schmetterlinge.
Der Staub. Die Gesichter. Die Namen.
„Wie geht es Mister Eiriksson? Viel zu tun in letzter Zeit?“
Sie öffnete die Augen und nickte. „Er ist die ganze Zeit draußen bei den Claims. Bei diesem kalten Wasser ist es ein Wunder, dass die Goldgräber nicht noch häufiger krank werden.“ Die Töpfe unter der Decke schienen sich zu bewegen, obwohl die Ladentür geschlossen war und sich kein Lufthauch regte. Franja wurde schon wieder schwindelig. Noch nie zuvor war ihr aufgefallen, dass es hier im Laden so intensiv roch. Nicht unangenehm, aber so stark nach Kräutern, Leder und Staub, dass sie selbst mit geschlossenen Augen meinte, jeden einzelnen Gegenstand finden zu können, egal, wo er sich befand.
„Ich schätze, die Hoffnung auf die Bonanza hält sie gesund“, lachte Mr. Lockley und erst nach einem weiteren Augenblick begriff Franja, dass er immer noch von den Goldgräbern redete. Wo um Himmels Willen waren ihre Gedanken denn schon wieder hingewandert?
„Wahrscheinlich“, erwiderte sie abwesend und war erleichtert, als Mr. Lockley sich daraufhin umdrehte und wieder den Regalen widmete. Immer wieder blickte er auf ihre Liste herab und murmelte den Namen jedes Gegenstandes vor sich hin, während er ihn suchte. Das tat er immer und es war eine Eigenschaft, die Franja schon immer ein bisschen auf die Nerven gegangen war, aber heute widerte sie sie geradezu an. So sehr, dass sie Mr. Lockley am liebsten gepackt und geschüttelt hätte und ihn angeschrien, dass er das gefälligst unterlassen sollte. Es kam ihr so vor, als gebe er den Gegenständen einfach den falschen Namen. Und diese Namen schmerzten in ihren Ohren und brachten ihre Sinne völlig durcheinander. Das Schlimmste daran war, dass sie selbst nicht sagen konnte, wie sie richtig hätten heißen sollen.
„Pfefferminze“, murmelte er und zog nacheinander mehrere Schubladen auf. „Pfefferminze, Pfefferminze.“
„Mit Pfeffer hat das gar nichts zu tun“, fauchte Franja zornig. Sie war sich nicht sicher, wie die Worte auf ihre Lippen gekommen waren, und warum.
„Wie bitte, Miss Eiriksson?“ Er blickte über seine Schulter zu ihr hinüber und sein blasses Gesicht schimmerte. Er wirkte schockiert über ihre plötzliche Heftigkeit. Franja schüttelte halb abwehrend, halb entschuldigend den Kopf. Sie war selbst erschrocken über die plötzliche Wut, die sie ergriffen hatte und außerdem ärgerte sie sich über sich selbst. Mr. Lockley konnte schließlich nichts für ihre Verwirrung.
„Nichts Wichtiges. Ich bin nur ein bisschen …“
„Alles in Ordnung, Miss Eiriksson?“ Er machte eine Bewegung, als wolle er die trennende Mauer der Theke überwinden und auf ihre Seite hinüberkommen.
„Mir ist nur ein wenig schwindelig“, gestand Franja hastig. Sie wollte nicht, dass er ihr zu nahe kam. Er würde sie berühren wollen, ihr vielleicht die Hand auf die Schulter legen oder so etwas. Sie konnte seine Vertraulichkeit nicht ausstehen. „Vielleicht geben sie mir noch ein paar Melissenblätter dazu, dann werde ich mir zu Hause einen Tee daraus kochen.“
Er sah sie weiterhin ein wenig misstrauisch an, doch dann wandte er sich wieder ab. „Melisse“, murmelte er und begann wieder, Schubladen aufzuziehen. Franja hätte am liebsten geschrien.
Sie schloss erneut die Augen und lehnte sich an die Wand. Tief durchzuatmen tat gut, sie spürte, wie sich ihr Herzschlag beruhigte und die Wut abklang.
„So, Miss Eiriksson, hier haben Sie alles“, unterbrach Mr. Lockley ihre Gedanken. Franja öffnete die Augen und beobachtete, wie er zwei gefüllte Papiertüten auf die Theke stellte und dann begann, Preise zusammenzurechnen.
Sie atmete nochmal mehrfach tief durch, dann überbrückte sie die wenigen Schritte bis zur Theke zügig und so entschlossen wie möglich. Entschlossen griff sie nach einer ihrer Papiertüten und hielt sich daran fest, als sei diese ein Rettunganker, etwas, das sie in der Realität festhalten konnte, auch, wenn sich ihre Gedanken dagegen wehrten.
„Macht dann drei Dollar, Miss. Soll ich einen Jungen rufen, der Ihnen das Alles nach Hause trägt?“ Mr. Lockley sah immer noch besorgt aus. Franja schüttelte den Kopf und lächelte, entschlossen, den Anschein zu erwecken, dass alles zum Besten stand.
„Nein danke, es ist wirklich alles in Ordnung“, erwiderte sie, obwohl allein der Gedanke, wieder in das grelle Sonnenlicht auf der Straße zurück zu treten, ihr einen Schauer den Rücken hinunter jagte.
Aber es half ja nichts. Sie musste schließlich nach Hause kommen. Außerdem wusste sie, dass es in der stickigen Enge des kleinen Metallhauses, das sie mit Olaf zusammen bewohnte, besser werden würde. Dort drinnen schien es weniger Geister zu geben – oder was auch immer es war, das sie so penetrant verfolgte. Je schneller sie den Weg dorthin hinter sich brachte, umso besser. Rasch griff sie nach der anderen Tüte, klemmte sich unter jeden Arm eine, nickte Mr. Lockley einen Abschiedsgruß zu und trat aus dem Laden.
Die plötzliche Helligkeit stach in ihre Augen und ließ sie blinzeln. Franja blieb auf der Veranda stehen und starrte auf die Straße vor sich.
Staub.
Man konnte meinen, die Welt bestünde nur aus Staub. Er trieb in feinen Schwaden dicht über der Straße, wirbelte und tanzte unter den Stiefeln der Männer, floh vor den Hufen der Pferde und machte die Luft streckenweise undurchsichtig. Er schien ein Eigenleben zu haben, sein Fließen und die Muster die er zeichnete nicht zufällig, sondern einer unsichtbaren Macht unterworfen.
Franja stellte die Tüten zu ihren Füßen ab, beobachtete den Staub und zog die Bänder ihrer Haube fester. Die kalifornische Sonne war unbarmherzig, aber wenigstens zeichnete sie keine Muster auf die Straße. Ob sie wohl Olaf von dem Staub erzählen sollte? Er war Arzt, vielleicht …
Nein, damit musste sie selbst fertig werden. Mit ihrem Bruder zu reden war, einzugestehen, dass sie sich fürchtete. Beinahe, als wäre sie erst dann richtig wahnsinnig, wenn sie jemandem davon erzählte.
Mit einem Kopfschütteln wischte Franja die beunruhigenden Gedanken beiseite und tat einen großen Schritt auf die Straße hinaus. Der Staub schien vor ihr auseinander zu gleiten, sie zu meiden. In feinen Bahnen floss er um ihre Knöchel, um sich hinter ihr wieder zusammen zu schließen. Lärm sprang sie an. In ihrem Kopf breitete sich schon wieder dieses dunkle Pochen aus, wie so oft in den letzten Tagen.
Blue Springs war laut und voll. Ein bisschen zu voll, für Franjas Geschmack. Goldgräber in dreckverkrusteter Kleidung drängten sich vor der Eisenwarenhandlung, überall waren Pferde, Maultiere, Esel, Ochsen, Hunde und Karren. Schimpfen und Gelächter aus dem Saloon, Hufgeklapper, Leute, die sich Grußworte zuriefen – die ganze Stadt war lebendig, atmete Staub, Emotionen und Freiheit in die warme Luft hinaus und erfüllte Franja mit einem unbestimmten Gefühl, das beständig zwischen Geborgenheit und Panik schwankte.
Es war beinahe unwirklich, die Straße hinunter zu gehen. Links und rechts von ihr zogen die Männer ihre Hüte und traten respektvoll einen Schritt zurück, viele senkten den Blick und alle riefen ihr ein „Guten Morgen, Miss Eiriksson“ zu.
Franja grüßte zurück, mit niedergeschlagenen Augen und einem angedeuteten Kopfnicken, so dass niemand die Beunruhigung in ihrem Gesicht lesen konnte. So viel Aufhebens um ihre Person war ihr auch an besseren Tagen unangenehm, heute hatte sie das Gefühl, dass sie alle sie beobachteten, nur darauf warteten, dass sie sich vergaß, dass sie ihnen gestand, Dinge zu sehen, die gar nicht da waren.
Dabei war es nur normal, dass ihr die Männer hinterher sahen. Als eine der wenigen Frauen in Blue Springs war das keine neue Erfahrung für sie. Erst recht nicht, da sie unverheiratet und die Schwester des örtlichen Arztes war. Eine begehrenswerte Partie.
Als sie jedoch beinahe an ihrer Haustür angekommen war, spürte sie noch einen anderen Blick in ihrem Rücken. Jemand sah sie nicht einfach nur an, er beobachtete sie. Das wusste sie mit der gleichen Gewissheit, die ihr auch gesagt hatte, dass der Name „Pfefferminze“ total falsch war. Ihr Herz begann zu rasen.
Sie zwang sich dazu, ruhig weiterzugehen, die Stufen zu ihrer Veranda hinauf zu steigen und erst dort oben die beiden Einkaufstüten abzustellen. Der Beobachter ließ sie nicht aus den Augen. Betont langsam drehte sie sich um und ließ ihren Blick wie zufällig über die Main Street schweifen.
Die meisten Männer hatten sich von ihr schon wieder von ihr ab- und ihren diversen Tätigkeiten zugewendet. Auf der Straße herrschte das normale, alltägliche Gedränge vor, die meisten Gesichter kannte Franja, vom Einkaufen, oder aus der Praxis ihres Bruders, wenn sie auch nicht immer die passenden Namen dazu parat hatte.
Doch nur ein paar Dutzend Schritte von ihr entfernt, vor den Stufen zum Hotel, hatten sich einige Männer versammelt, die sie noch nie in Blue Springs gesehen hatte. Natürlich kam es immer mal wieder vor, dass neue Gesichter hier im Ort auftauchten, die kleine Stadt wuchs schnell und würde auch immer weiter wachsen, so lange es Gold gab. Doch diese Männer waren etwas Anderes.
Zum einen sahen sie einfach nicht aus wie Goldgräber. Sie hatten keinerlei Ausrüstung bei sich und sie stürmten auch nicht das Eisenwarengeschäft, um dem Abhilfe zu schaffen. Außerdem blieben sie als Gruppe eng beisammen, kümmerten sich wenig um die anderen Menschen oder überhaupt irgendetwas in ihrer Umgebung und unterhielten sich nur leise untereinander.
Zum anderen konnte Franja spüren, dass irgendetwas diese Männer umgab, wie eine unsichtbare Aura. Zwar hatte sie sich inzwischen wieder so weit im Griff, dass sie keine Gesichter mehr doppelt sah, und auch das Schwindelgefühl war verflogen, aber dennoch gab es irgendjemanden bei diesen Männern, der ihre Aufmerksamkeit anzog wie ein Magnet die Kompassnadel.
Außerdem starrte einer von ihnen sie ganz unverhohlen an. Es war ein Mann, der etwas am Rand der vielleicht zehnköpfigen Gruppe stand und irgendwie fehl am Platz wirkte. Er hatte haselnussfarbene Haare, von der Sonne an den Spitzen schon etwas ausgebleicht und ein schmales, zart wirkendes Gesicht, das ihn jünger wirken ließ, als er wahrscheinlich war. Franja schätzte ihn auf Anfang Dreißig. Mit unbeweglichem, todernstem Ausdruck sah er zu ihr hinüber. Kein Lächeln, keine Freundlichkeit lag in seiner Miene und Franja schauderte etwas. Dennoch wusste sie, dass nicht er es war, der das seltsame Gefühl in ihr hervorrief. Da war noch jemand anderes …
Beinahe gegen ihren Willen neugierig starrte sie zu der Gruppe hinüber und versuchte, noch andere Mitglieder auszumachen, doch dann tauchte im Eingang des Hotels ein breitschultriger, geschmeidig wirkender Mann auf. Er lachte über das ganze Gesicht, als habe er gerade einen wunderbaren Handel abgeschlossen. Er rief der Gruppe ein paar kurze Worte zu, nach und nach drehten sich die Männer um und begannen, die Stufen zum Hotel hinauf zu steigen. Gleich darauf waren sie im Eingang verschwunden. Im selben Moment ließ das seltsame Gefühl, beobachtet zu werden nach. Erleichtert atmete Franja durch. Ihr war, als hätte ihr die ganze Zeit irgendetwas die Luft abgedrückt, und sie hatte es bisher nicht einmal gemerkt. Ihre Schläfen pochten, als habe jemand eine Nadel hinein gestochen.
Migräne, dachte sie sich. Nichts weiter als Migräne. Ein schöner Tee und das geht vorbei. Vielleicht ein Schluck Laudanum aus Olafs Apotheke, das wird helfen.
Sie wandte sich von der Straße ab und suchte aus ihrer Handtasche den Hausschlüssel heraus. Sie ahnte, dass es sich nicht um eine einfache Migräne handelte. Eine Migräne hinterließ nicht dieses dumpfe Gefühl, als ob ihr Körper eine Marionette war, die von jemand anderem als ihr selbst gesteuert wurde. Sie kannte das Gefühl und es machte ihr Angst. Es war gefährlich. Es versetzte sie wieder zurück nach Boston. Nein, sie wollte nicht glauben, dass es mehr war, als nur eine Migräne.
Sie würde sich einen Tee kochen, an Migräne glauben und warten, bis es vorbei war.

Es war spät, als Franja endlich die Vordertür ins Schloss fallen hörte. Olafs Schritte klangen unsicher auf den Holzbohlen, als er sich durch die Dunkelheit zur Küche vortastete.
Beinahe sofort war Franja auf den Füßen, steckte die Lampe über dem Tisch an und drehte sie weit auf, so dass die winzige Küche in goldenes Licht getaucht wurde. Sie kam sich vor wie aus einem Traum aufgeschreckt, obwohl sie kein bisschen geschlafen hatte. Die letzten paar Stunden hatte sie einfach nur in der Dämmerung gesessen, die Füße zu sich auf den Sessel gezogen, hatte Tee getrunken und versucht, das unangenehme Gefühl zu verdrängen, das die Fremden in ihr hinterlassen hatten.
Sie hatte die Küche und das Haus geputzt, aber selbst das hatte sie nicht richtig ablenken können. Ganz zu schweigen davon, dass ihr Kopf immer noch leicht schmerzte und das Schwindelgefühl wieder zurückgekehrt war.
Olaf erschien in der Küchentür. Sein Gesicht wirkte hager und ausgelaugt im unsteten Schein der Lampe. Franja konnte sehen, wie müde er war, trotzdem versuchte er sich an einem kleinen Lächeln.
„Du hättest nicht wach bleiben müssen“, sagte er und strich sich dabei mit der Hand über das Gesicht, als wolle er seine Müdigkeit wegwischen. „Es ist bestimmt nicht gut für dich. Du brauchst deinen Schlaf.“
Franja spürte Unwillen in sich aufsteigen. Unwillen gegen seinen gönnerhaften Tonfall, gegen die Selbstverständlichkeit, mit der er sich jetzt in Bewegung setzte und auf den Tisch zuging.
„Die Suppe hättest du schon warmhalten können“, murmelte er, nachdem er einen kurzen Blick in den Topf geworfen hatte. „Wenn du schon noch auf bist.“
„Du bist spät dran“, erwiderte sie knapp und wandte sich dem geschlossenen Fenster zu, damit er nicht sehen konnte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Ihre Schläfen begannen, zu schmerzen und die unangenehme Dumpfheit breitete sich erneut in ihrem Körper aus. Es machte sie dieses Mal eher wütend als ängstlich.
„Ein Notfall“, erwiderte Olaf knapp. Sie konnte hören, wie er sich einen Stuhl zurecht zog und sich darauf fallen ließ. „Einer der Männer hat sich unter einem Baum eingeklemmt.“
„Du hättest jemanden schicken können. Dann wäre ich schon zu Bett gegangen.“ Noch während sie die Worte aussprach, wuchs der Ärger in ihr. Olaf hatte mal wieder nicht an sie gedacht. Immer war er für andere da, nur nicht für Franja.
„Es war keine Zeit“, antwortete er und Franja merkte, dass er nun auch verärgert war. „Das war eine Sache von Minuten, der Mann verlor Blut wie ein angestochenes Schwein und ich musste sofort an die Arbeit gehen. Gestorben ist er mir unter den Händen – falls du es wissen musst. Tut mir leid, dass ich dabei nicht an dich und deine Suppe gedacht habe.“
„Aber essen willst du sie schon, oder?“ Die Worte waren heraus, noch bevor Franja sich darüber erschrecken konnte. Sie wirbelte herum und funkelte Olaf zornig an. Er hatte sich wie selbstverständlich einen Teller heran gezogen und war gerade dabei, Suppe einzuschöpfen.
Für einen Moment sah er sie nur mit tiefer Verwunderung an und Franja tat es sofort leid, ihn so angefahren zu haben, doch dann schob er seinen Teller mit solcher Heftigkeit von sich, dass die Suppe über den Rand schwappte. Flüssigkeit lief über den groben Holztisch und versickerte in den Spalten. Mit einem Anflug von Verwunderung bemerkte Franja, dass sie das noch wütender machte, über die Maßen wütend, ein Umstand, den sie seltsamerweise ganz deutlich wahrnahm, als stünde sie neben sich und beobachte eine andere Frau dabei, wie sie sich über Kleinigkeiten aufregte. Wie lächerlich, ging es ihr durch den Kopf, bevor die Wut sie wieder mit sich riss.
„Wenigstens sorgt einer von uns dafür, dass überhaupt Essen auf den Tisch kommt“, zischte Olaf und erhob sich wieder von seinem Stuhl. Franja selbst war zwar auch nicht gerade klein, aber ihr Bruder überragte sie nochmal um gut einen halben Kopf und er war viel kräftiger als sie. Ihr Herz begann zu rasen, sie wusste nicht, ob aus Angst oder Zorn. „Ich schufte mich den ganzen Tag ab, während du zu Hause sitzt und dich nicht einmal unter Menschen wagst. Andere Frauen verdienen hier ihr eigenes Geld, eröffnen Pensionen oder so etwas, aber mein Schwesterlein ist sich ja zu fein, unter Leute zu gehen.“
„Du hast doch gesagt, dass ich zu Hause bleiben soll.“ Sie klang jetzt schrill und dafür hasste sie sich noch mehr. „Du hast gesagt, es ist besser, wenn ich nicht allzu viel Aufmerksamkeit errege. Seit wir von zu Hause fortgegangen sind, hast du mich versteckt. Du schämst dich für mich, so ist es doch!“
Es war, als drangen von irgendwo Finger in ihren Geist ein, berührten die Stellen, die noch empfindlich waren von heute morgen, fachten die Wut immer weiter an, bis Franja völlig von ihr ausgefüllt war. Giftig fügte sie ihren Vorwürfen hinzu: „Wenn wir in Boston geblieben wären, hätte ich Hauslehrerin sein können, wie Vater es gewollt hat. Aber wir mussten ja hierher kommen. Olaf, der große Held wollte ja unbedingt die armen Goldsucher retten.“ Das war ungerecht. Eigentlich liebte sie ihn für das, was er tat, dass er Menschen zu helfen versuchte … aber nicht heute. Sie konnte ihr Blut bis in die Fingerspitzen pulsieren fühlen und dann begann auch noch der Raum, vor ihren Augen zu schwanken, wie ein Vorhang im Luftzug. Ihre Schläfen hämmerten schlimmer als sie es in Boston getan hatten, bevor …
Sie zuckte zusammen und blinzelte, versuchte, sich zusammenzureißen, aber die Wut wich nicht, auch vor der Erinnerung nicht, im Gegenteil, sie wurde nur noch stärker.
Olafs Gesicht lief rot an, er kam einige Schritte um den Tisch herum auf sie zu und Franja wich ein Stück zurück, bis sie mit dem Rücken gegen den geschlossenen Fensterladen prallte.
„Was fällt dir ein?“ Seine Stimme war nun gefährlich leise, nur noch ein Zischen. „Es ist deine Schuld, dass wir nicht mehr in Boston sind, schon vergessen?“ Seine Augen waren hart und unnachgiebig und jetzt bekam Franja doch Angst. Das war nicht mehr der Olaf, den sie kannte.
„Meine Schuld?“ Ihre Stimme schlug in ein Kieksen um, selbst in ihren eigenen Ohren klang sie nun hysterisch. Das Kribbeln in ihren Fingerspitzen verstärkte sich und sie merkte, wie sich Worte in ihrem Kopf formten, fremdartige Worte, die sie dennoch irgendwie verstand, mit einem kleinen Bruchteil ihres Bewusstseins wusste sie, dass es sich um Namen handelte, wahre Namen, echte Namen, welche, die Macht hatten.
„Deine Schuld“, bestätigte Olaf. Er stand jetzt direkt vor ihr. Der Geruch, der von ihm ausging, war beinahe übermächtig, irgendwie wie angebranntes Metall, wie Angst, wie Wut. „Tu’ nicht so, als ob du es nicht wüsstest! Ohne dich wären Vater und Mutter noch am Leben. Dass du es überhaupt wagst, mir Vaters Wünsche vorzuhalten!“
„Das ist nicht wahr!“ Wieder versuchte die Wut, von ihr Besitz zu ergreifen, doch die Angst und die Trauer waren mit einem mal stärker. Der Raum schwankte vor ihren Augen, sie konnte Olaf schon gar nicht mehr klar erkennen, ihre Handflächen brannten, als habe sie sie ins Feuer gehalten, ihr Kopf drohte zu explodieren und irgendwo in ihr höhnte eine Stimme: „Du hast es doch die ganze Zeit gewusst, Mädchen. Tu nicht so überrascht. Lass dich gehen, lass den Dingen ihren Lauf! Nimm einen Revolver und erschieß dich, das ist das, was ein anständiges Mädchen tun würde!“
„Es ist wahr.“ Erstaunlicherweise klang Olafs Stimme jetzt wieder ruhiger, als habe er sie Franja jetzt zu Genüge verletzt und wolle die Wunde schnell wieder heilen, wie es seine Art war. „Es ist wahr, Franja, du bist eine Hexe, und durch deine Schuld sind unsere Eltern gestorben.“
Hexe.
Das Wort traf sie wie eine Kugel und ließ sie noch ein Stück zurück taumeln. Franja wollte keine Hexe sein, es brachte nichts Gutes, es barg Gefahr und außerdem konnte man doch nicht wegen einem einzigen Ereignis solche Behauptungen aufstellen, ihre Eltern hatten einen Unfall gehabt, da war dieser Brand gewesen, und sie selbst, sie selbst …
Franja merkte, wie sich ihre Gedanken verloren, der Raum schwankte, kippte zur Seite, Panik jagte durch ihren Körper, sie spürte, wie die Hitze aus ihren Fingerspitzen wich, sich im Raum verbreitete. Ihr Mund formulierte Worte, die sie nicht kannte, die sie noch nie gehört hatte, aber die doch irgendwie richtig waren.
Dann verschlang sie die Hitze, ihr Kopf hörte auf zu schmerzen und schien nur noch mit Watte gefüllt zu sein. Es war angenehm, sich in diese Watte fallen zu lassen, einfach aufzuhören, zu denken oder sich aufzuregen.
Jemand schrie.
Es hörte sich wie Olaf an, aber sicher war sie sich nicht.
Sie wollte nur noch wegdriften.

Die Kälte weckte sie.
Nachts kühlten die Metallwände des kleinen, mobilen Häuschens ziemlich aus und es konnte eisig werden, egal, wie heiß es tagsüber gewesen war.
Franjas Kopf schmerzte noch immer etwas, aber schon bei den ersten bewussten Atemzügen merkte sie, dass die seltsame, fremde Wahrnehmung wieder einmal verschwunden war, woher sie auch immer gekommen sein mochte. Erleichtert setzte sie sich auf. Jetzt würde sie wieder einige Tage Ruhe haben, und vielleicht wusste dann ja auch Olaf …
Olaf.
Sie zuckte zusammen, als die Erinnerung sie überkam. Jetzt wurde ihr auch wieder bewusst, warum sie eigentlich auf dem Küchenfußboden lag. Der Streit. Wie hatte er nur dermaßen außer Kontrolle geraten können? Und wo war Olaf? Wie viel Zeit war vergangen, dass es so kalt hatte werden können?
Ein böse Vorahnung ergriff sie und verwandelte ihren Körper in einen Eisklumpen. Am liebsten hätte sie sich sofort wieder hier auf den Boden gelegt und weitergeschlafen. Vielleicht konnte sie dann am anderen Morgen aufwachen und das alles hier war vergessen. Oder ein Traum.
Aber sie wusste, dass es kein Traum war.
Steifbeinig erhob sie sich. Ihr Körper kam ihr schwer und ungelenk vor, wie eine Holzpuppe. Die Lampe war herunter gebrannt, die Küche dämmerig. Nur schemenhaft konnte sie den Herd, Kisten und den Tisch ausmachen.
Mit hämmerndem Herzen umrundete sie den Tisch, den Blick immer auf den Boden gerichtet.
Olaf lag auf der anderen Seite, nahe der Tür, als habe ihn etwas zurückgeworfen, oder mit Gewalt von Franja fortgerissen. Er war unverletzt, nur sein Hemd war ein Stück nach oben gerutscht und die Weste zerknittert vom Fall.
Dennoch war er tot. Franja sah auf den ersten Blick, dass er nicht mehr atmete. Als sie sich dann hinkniete und mit eiskalten Fingern an seinen Hals fasste, konnte sie nicht das Geringste spüren. Eine, zwei Minuten lang kauerte sie da, unfähig, die Hand zurück zu ziehen oder irgendetwas anderes zu tun, als sein blasses Gesicht anzustarren. Seine Haut wirkte noch viel heller als sonst, und das struppige blonde Haar beinahe weiß, wie bei einem alten Mann.
Tränen liefen über ihre Wangen und tropften auf Olafs Hemdsärmel. Dennoch war der Schmerz über den Tod ihres Bruders seltsam fern, überlagert von allen möglichen anderen Gefühlen. Alles, was sie denken konnte war: Das ist deine Schuld, Franja. Deine Magie, deine Schuld. Ganz allein deine Schuld. Wie schon bei Mutter und Vater.
Irgendwann wurde dieser Gedanke jedoch abgelöst von einem anderen. Sie werden hinter dir her sein, wenn das raus kommt.
Ruckartig zog sie ihre Hand zurück und stand auf. Sie musste von hier weg. Olafs Anklage dröhnte ihr plötzlich wieder in den Ohren.
Hexe.
Angst packte sie und verengte ihre Kehle. Wer wusste schon, was die Leute aus Blue Springs unternehmen würden, wenn sie heraus bekamen, dass Franja ihren Bruder durch Magie getötet hatte. Zauberer und Hexen waren ohnehin hier nicht sehr beliebt, seit die Briten sie eingesetzt hatten, die aufkeimende Revolution zu unterdrücken. Und nun hatte sie jemanden ermordet. Mit Magie.
Mit einer Ruhe, die Franja selbst unheimlich war, ging sie in ihr Schlafzimmer hinüber, suchte den Seesack heraus, den sie sich für die Herfahrt gekauft hatte, und packte Kleidung und eine 3-Point-Decke hinein. Aus Olafs Zimmer kamen eine Landkarte, sein Kompass und sein Klappmesser hinzu. Die Karte zeigte eigentlich nur Teile der Kalifornischen Küste, aber vielleicht konnte sie sie trotzdem gebrauchen.
Das Einzige, was sie nicht über sich brachte, war, in die Küche zurück zu gehen, auch wenn dort die Vorräte lagerten, und sie es sicher bereuen würde, nichts mitgenommen zu haben. Aber wenn sie noch einmal Olafs leblosen Körper sehen musste, hatte sie sicher nicht mehr die Kraft, wirklich davon zu laufen. So steckte sie nur ein paar Äpfel ein, die in einer Schale im Flur standen, bevor sie möglichst leise die Haustür aufzog.
Blue Springs war selbst nachts nicht leblos, aber immerhin herrschte nicht das gleiche Gedränge wie tagsüber. Die meisten Geräusche drangen aus dem Saloon, aus dem aus ein helles Lichtfeld auf die staubige Straße fiel. Franja mied es, als sie rasch und schnell die Main Street hinunter ging. Sie rannte nicht, und sie wollte auch nicht schleichen, so wäre sie für einen zufälligen Beobachter nur noch auffälliger gewesen. Aber sie griff trotzdem weit aus, bis sie schließlich das Schild am Ortsausgang erreichte. Erst hier drehte sie sich noch einmal um und blickte auf die kleine Stadt zurück, die für wenige Wochen ihre Heimat gewesen war. Der Wind hatte sich gelegt, und ausnahmsweise tanzte kein Staub über der Straße.
Franja hatte wieder Tränen in den Augen, als sie sich endgültig abwandte und in die kalifornische Wildnis hinein stapfte.

Categories

  • Die etwas andere Küche
  • Leben und leben lassen
  • Lesefutter & Augenweiden
  • Märkte, Kunden, Aliens
  • Plots, Protas und andere Krankheiten
  • Sinn und Unsinn
  • Stöckchen
  • Textfetzen

Andere Blogs

  • BILDBlog
  • Frau Katz und die Belletristik
  • Frostnebelmond
  • Judge a Book by its Cover
  • Sabrina in Peru

Blogs zur Schriftstellerei

  • Coppelias Blog
  • Das schwarze Schaf
  • Die Chroniken der Elomaran
  • Horrorschau
  • Juliane Korelski
  • Manuel Charisius
  • Romy Wolf
  • Schattenwacht
  • Will Write For Chocolate
  • Winterdämmerung

Einiges zum Schreiben

  • Kurzgeschichten.de
  • Schmidt & Abrahams Literaturagentur
  • Tintenzirkel
  • Wurdack Verlag

Interessantes

  • Dattelschlepper
  • Dhalia’s Lane
  • Erdenstern
  • Flinkhand
  • Kammaeleon
  • Naturseife

Netter Unsinn

  • Green Smilies
  • Piled Higher And Deeper
  • Pro Fantasy
  • ScummBar

Seifenseiten

  • Cremetöpfchens Seifen
  • El Sapone
  • Rikes Mikrokosmos
  • Salomés Seifen
  • Teufelchens Seifen

Archives

Meta

  • Log in
  • Entries RSS
  • Comments RSS
  • WordPress.org

Pages

  • California Frenzy
  • Die Rabenfeder
  • Spielmannsfluch

Recent Entries

  • Auf die Schnelle
  • Offener Brief an Herrn Ulfkotte
  • Tag 20: Das beste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast
  • Tag 19: Ein Buch, das du schon immer lesen wolltest
  • Genug
  • Mal kein Stöckchen
  • Tag 18: Das Buch, mit dem schönsten Cover, das du besitzt
  • Tag 17: Augen zu und irgendein Buch aus dem Regal nehmen
  • Tag 16: Das 9. Buch in deinem Regal v.r.
  • Tag 15: Das 4. Buch in deinem Regal v.l.
  • Random Selection of Posts

    • Geetika
    • Die Nebelburg
    • Und: Seife!
    • Tag 16: Das 9. Buch in deinem Regal v.r.
    • Tag 18: Das Buch, mit dem schönsten Cover, das du besitzt
    • Zurück aus dem Urlaub
    • Seifenexperimente (3)
© 2008 Rabenfeder is proudly powered by WordPress
Theme designing by Mark Hoodia