Das sind Prolog und erstes Kapitel für meinen Jugendthriller, der an “Schmetterlingsschatten” anschließen sollte. “Spielmannsfluch” spielt auf einem Mittelaltermarkt und hat - wie ich immer noch finde - einen interessanten Plot und einen grandios verrückten Antagonisten. Auch hier hoffe ich ja noch, dass es irgendwann Liebhaber findet.
Prolog
Vom Turm sieht es so aus, als stehe das gesamte Lager in Flammen. Feuerschein wirft zuckende Schatten an die Burgmauer, und überall rennen Menschen und Pferde in wilder Panik durcheinander. Schreie hallen zu uns herauf, aber ich kann nicht feststellen, von wem sie stammen. Können Pferde denn so menschlich klingen? Ich weiß es nicht. Einer der Stände bricht mit einem lauten Krachen zusammen, Funken stieben empor, seltsam schön, wie bei einem Feuerwerk. Rauch beißt in meinen Augen; es stinkt so stark nach brennendem Haar, dass mir beinahe übel wird. Gerade noch kann ich den Brechreiz unterdrücken. Die Hitze des Feuer dringt bis zu uns herauf. Es ist, als atme ich die Flammen selber ein. Ich kralle meine Hände so fest um die Brüstung, dass meine Knöchel weiß hervorstehen, und sehe zu, wie meine Welt untergeht.
Ich habe Angst.
Selina ist irgendwo da unten, aber ich kann sie nicht entdecken. Ob sie es geschafft hat, den Flammen zu entkommen? Und falls ja, wird sie den Hufen der panisch herumrennenden Pferde entgehen können? Eine böse Vorahnung erfasst mich und schnürt mir die Kehle zu. Hoffentlich geht es ihr gut, hoffentlich kommt sie davon! Sonst werde ich mir nie verzeihen. Schließlich habe ich sie zum Bleiben überredet.
Es ist seine Schuld. Selbst, wenn ich vorher noch gezweifelt habe, in diesem Moment bin ich mir sicher.
Hätte ich dies hier verhindern können? Ich wusste doch, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Warum habe ich meinen Mund nicht aufgemacht? Warum bin ich nicht zur Polizei gegangen? Ich musste ja alles im Alleingang machen. Allen wollte ich zeigen, wie stark und tapfer ich bin. Ich dumme Kuh.
Unten im Hof schreit ein Pferd. Adele zuckt zusammen und drängt sich noch enger an mich. Als könnte ich sie beschützen. Ich, ihre große, allmächtige Schwester. Dabei schlägt mir selbst das Herz bis hinaus zum Hals, und ich würde am liebsten weglaufen, nur fort von den Flammen und der Angst. Doch der Weg ist versperrt. Ich fühle mich überhaupt nicht mehr stark. Es reicht gerade, um die Tränen zurückzudrängen, die mir in die Augen steigen.
Wie hat es nur so weit kommen können?
Kapitel 1
„Wann sind wir endlich da?“
Malou verdrehte die Augen. Wie oft wollte Adele denn diese Frage noch stellen? Wirklich, ihre Schwester benahm sich wie ein Baby. Am liebsten hätte sie ihr das auch gesagt, aber sie ahnte schon, wie ihre Mutter darauf reagieren würde, also hielt sie lieber den Mund.
„Gleich, Schatz“, antwortete Malous Vater der Siebenjährigen vom Vordersitz. „Siehst du, da oben ist schon die Burg.“ Er deutete durch die Windschutzscheibe nach vorne. Adele reckte sich und verdrehte den Hals, um besser sehen zu können. Malou konnte es sich nicht verkneifen, es ihr nachzutun, auch wenn sie sich dabei etwas kindisch vorkam. Aber die bekannte Aufregung hatte sie ergriffen, füllte ihren Bauch mit einem angenehmen Kribbeln, und für einen Moment kam sie sich kaum älter vor als ihre kleine Schwester.
Es war eine kleine Burg, und sie erinnerte Malou an ein Schwalbennest, wie sie sich hoch oben an den Hang klammerte. Einer der beiden Türme stand schief und sah schon ziemlich baufällig aus, aber der andere erhob sich stolz über die flechtenbewachsenen Mauern. Die kleine Stadt im Tal wirkte, als ducke sie sich unter dem Schatten der Burg zusammen. Das Kribbeln verstärkte sich. Malou konnte es kaum erwarten, auf den Turm zu steigen und die Hausdächer von oben zu betrachten. Und vielleicht hatte sie ja Glück, und Noel war auch da …
„Gab es hier Raubritter, Papa?“ Wieder Adele, die kleine Nervensäge, die sie aus ihren Träumen reißen musste.
„Raubritter!“ Raphael spuckte das Wort aus, als habe er im Leben noch nie etwas Lächerlicheres gehört. „Hier in der Gegend? Du bist schon genauso bescheuert wie Malou.“
Adele begann natürlich sofort, loszuheulen, Malou jedoch fuhr zu ihrem Zwillingsbruder herum.
„Halt die Klappe!“ Am liebsten hätte sie ihn in die Seite geboxt, aber Adele saß zwischen den beiden. „Du bist ja bloß sauer wegen deinem dämlichen Training. Als ob du der nächste Basketballweltmeister wärst, oder so was.“
Raphael schenkte ihr einen tödlichen Blick, erwiderte aber nichts darauf, sondern wandte sich von ihr ab und starrte wieder wütend aus dem Fenster, wie er es seit Beginn der Fahrt getan hatte.
„Vertragt euch!“ Malous Mutter schien gerade erst bemerkt zu haben, was hinten im Auto vor sich ging. Sie klang ungewöhnlich müde, fand Malou, auf der gesamten Fahrt hatte sie kaum etwas gesagt. „Raphael, an einer verpassten Trainingsstunde wirst du schon nicht sterben. Und du, Marie-Louise …“ Wie Malou es hasste, wenn ihre Mutter sie so nannte. Als ob sie nicht schon in der Schule genug unter diesem altmodischen Namen zu leiden hatte. Sie blendete den Rest der Standpauke aus, während sie sich fragte, warum es nie Adele war, die den Ärger mit ihrer Mutter bekam.
Malou verlor die Festung aus den Augen, als sie in die Stadt hinein fuhren. Das Auto holperte über Kopfsteinpflaster, Fachwerkhäuser zogen vor dem Fenster vorbei, ein großes Kurhotel folgte. Dann bogen sie schließlich in eine schmale Waldstraße ab, die sich in halsbrecherischen Serpentinen den Hang hinaufwand. Der Weg war dermaßen steil, dass Malou ein paar Mal befürchtete, ihr Auto könnte einfach stehen bleiben und samt des Anhängers wieder rückwärts den Berg hinunterrollen. Aber natürlich war das Blödsinn. Schließlich hatte der alte Passat schon Hunderte von solchen Straßen hinter sich und würde sie nicht einfach so im Stich lassen.
Dann - urplötzlich - kam die Burg wieder in Sicht. Eine scharfe Biegung, und sie befanden sich unvermittelt am Fuße der massiven Mauern. Malou musste den Kopf in den Nacken legen, um die Zinnen sehen zu können. Einen kurzen Moment lang beschlich sie ein ungutes Gefühl angesichts des abweisenden Gemäuers. Die leeren Fensteröffnungen wirken wie tote Augen und der Torweg wie ein Maul. Als ihr Vater das Auto unter dem hochgezogenen Fallgitter hindurchsteuerte, schauderte Malou unwillkürlich.
Doch dann tauchten sie auf der anderen Seite wieder ins Sonnenlicht, und vor ihnen lag der Burghof. Wohin sie auch sah, standen Autos, Anhänger oder Transporter; überall wurden Stände aufgebaut, Menschen liefen durcheinander, riefen sich Grüße zu, lachten oder unterhielten sich. Kleine Kinder und Hunde tollten allerorts durch das Gewühl, und in einer Ecke des Hofes standen zwei verloren wirkende Ponys herum. Malous Herz wurde leicht, und sie atmete auf. Sie waren angekommen. Ein ganzes Wochenende Mittelaltermarkt lag vor ihr. Sie fühlte sich, als wäre sie von einer langen Reise nach Hause zurückgekehrt.
„Malou!“
Kaum hatte sie die Tür geöffnet und war aus dem Auto geklettert, stürzte auch schon von irgendwoher eine kleine, drahtige Gestalt mit igelkurzen blonden Haaren auf sie zu und warf sich ihr an den Hals.
„Tess!“ Malou konnte nicht anders, sie musste über das ganze Gesicht grinsen, als sie ihre Freundin umarmte. „Klasse, dass du auch hier bist. Aber versuch bitte, mich nicht gleich zu erdrücken.“
Tess lachte, ließ sie los und spähte an Malou vorbei zum Auto hinüber. „Na, Raphael sieht ja mal wieder glücklich aus.“
Malou zuckte mit den Schultern. „Seit er diesen dämlichen Jugendbasketballpreis gewonnen hat, hält er sich für Michael Jordan. Seine Mannschaft hat ein Trainingswochenende angesetzt, das er jetzt verpasst. Mama wollte ihn nicht alleine zu Hause lassen.“ Aber Raphaels Probleme waren in diesem Moment eigentlich unwichtig. Sie warf einen Blick zurück, um sich zu versichern, dass niemand sie beachtete, und beugte sich dann zu Tess. „Sag mal, ist …“
„Noel und die Band sind da hinten“, beantwortete Tess ihre Frage, noch bevor die Freundin diese fertig ausgesprochen hatte. Sie deutete über ihre Schulter auf einen weiteren Durchgang. „Sie sehen sich die Bühne an. Wollen wir rübergehen?“
Malous Herz schlug unwillkürlich schneller. Noel. Es würde ein guter Markt werden. „Klar“, erwiderte sie. „Los, schnell!“
Doch kaum hatte sie ein paar Schritte getan, da wurde sie auch schon von der Stimme ihrer Mutter zurück gehalten. „Malou, bleib da, wir bauen auf!“
„Verflixt.“ Sie hatte gehofft, die Gelegenheit, so lange ihr Vater mit dem Marktveranstalter über den Stellplatz verhandelte, nutzen zu können, um sich vor dem Aufbauen zu drücken. Aber sie hatte nicht mit den scharfen Augen ihrer Mutter gerechnet. Verzeihungsheischend lächelte sie Tess zu und zuckte mit den Achseln. „Sorry.“
„Na, wir sehen uns ja später“, tröstete Tess sie. „Eigentlich müsste ich ja auch aufbauen.“ Sie grinste, drückte Malou noch einmal kurz an sich und wirbelte dann herum, um davonzusprinten. Kopfschüttelnd blickte Malou ihr hinterher. Manchmal fragte sie sich, ob Tess auch mal langsam irgendwohin ging. Ihre Freundin hatte einfach zu viel Energie. Enttäuscht kehrte sie zum Auto zurück und machte sich daran, gemeinsam mit Raphael und ihrem Vater den Stand aus dem Anhänger zu laden. Adele, die - natürlich - nicht helfen musste, flitzte an Malou vorbei und streckte ihr die Zunge heraus.
Es kostete die Familie beinahe zwei Stunden, das hohe, dachförmige Wikingerzelt und die Klapptische für die Waren aufzubauen. Irgendwie war ihre Mutter dieses Mal überhaupt nicht zufrieden zu stellen. Immer wieder hieß sie Raphael, die Plane an einer anderen Stelle zu vertäuen, oder sie bat Malou, die Ware neu anzuordnen. Beim vierten Mal hätte Malou ihr am liebsten den Holzteller, den sie gerade in der Hand hielt, an den Kopf geworfen. Sie saß ohnehin schon auf glühenden Kohlen. Irgendwo außer Sichtweite hatte die Band zu üben begonnen, Stimmen und Gelächter wehten zu ihnen herüber, und sie konnte Tess’ helles Lachen ausmachen. Es versetzte Malou einen kleinen Stich. Tess war also schon bei Noel. Warum musste Mama gerade heute solche Zicken machen. Das war sonst überhaupt nicht ihre Art.
Die Dreizehnjährige war nicht die Einzige, der das auffiel. Ihre Mutter stand immer noch an der Auslage und sortierte Teller, Schneidbrettchen, Holzbesteck und Spielzeugfiguren, als Malou endlich ihre Sachen zum Zelt schleppen konnte. Gerade, als sie den Schlafsack auf das Feldbett geworfen hatte und in ihrem Rucksack nach der Mittelaltergewandung suchte, hörte sie die Stimme ihres Vaters.
„Was ist los, Julia?“
Etwas klapperte. „Mist!“ Offensichtlich hatte ihre Mutter eines der Bretter fallen lassen. Was Malou jedoch mehr beunruhigte, war, das sich Mama anhörte, als sei sie den Tränen nahe. Was hatte sie nur?
„Ich mag diesen Ort nicht, das weißt du. Mir wäre es lieber gewesen, wir hätten den Markt abgesagt.“ Die Stimme ihrer Mutter war so leise, dass Malou sie kaum verstehen konnte, aber dennoch lag etwas Abweisendes darin. Malou beugte sich noch tiefer über den Rucksack, um nur ja nicht den Eindruck zu erwecken, dass sie lauschte, aber gleichzeitig spitzte sie die Ohren.
„Du weißt, dass das nicht ging.“ Auch ihr Vater sprach nun mit leiser Stimme. „Unsere Ersparnisse sind fast aufgebraucht. Willst du vielleicht bei deinen Eltern betteln gehen, damit wir Raphael wenigstens das nächste Mal zu seinem Trainingswochenende schicken können?“
„Natürlich nicht“, murmelte ihre Mutter. „Trotzdem. Ich wäre lieber auf einen anderen Markt gefahren.“
„Du hast mir immer noch nicht gesagt, warum eigentlich.“ An dem etwas ungeduldigen Tonfall ihres Vaters hörte Malou, dass die beiden das Gespräch nicht zum ersten Mal führten. Gleich darauf wurde seine Stimme wieder sanfter. „Lass mich dir doch helfen, Julia. Was liegt dir auf der Seele?“
Es dauerte eine lange Zeit, bis ihre Mutter antwortete. „Ich habe dir doch erzählt, was das letzte Mal mit diesem Mädchen geschehen ist.“ Malou hatte das Gefühl, dass das nicht alles war, dass hinter der Abneigung ihrer Mutter noch mehr steckte. Ihr Vater jedoch schien zufrieden mit der Erklärung.
„Das ist lange her“, sagte er beruhigend. „Und die Kinder sind schon auf so viele Märkte mit uns gefahren, ihnen wird hier auch nicht mehr zustoßen als überall anders auch.“
Etwas zustoßen? Malou hätte am liebsten zu ihren Eltern hinüber gesehen. Was sollte ihr denn hier zustoßen? Und was war mit diesem Mädchen gewesen?
„Ich muss die Auslage fertig machen.“ Offensichtlich wollte ihre Mutter das Gespräch nicht weiterführen. Einen Augenblick lang herrschte Schweigen.
„Es wird schon gut gehen, du wirst sehen.“ Trotz seiner aufmunternden Worte klang die Stimme ihres Vaters bedrückt, aber er schien das Thema nicht weiter vertiefen zu wollen. Malou hörte, wie er sich abwandte und langsam davonging, vermutlich zum Auto, um den Rest ihrer Sachen auszuladen. Sie sah von ihrem Rucksack auf und in Richtung ihrer Mutter. Sie hätte zu gerne gewusst, worum es in dem Gespräch wirklich gegangen war. Vielleicht sollte sie einfach fragen …
„Malou, wo bleibst du denn?“ Tess tauchte mit geröteten Wangen vor dem Zelt auf und riss Malou aus ihren Gedanken. Ihre Freundin hatte sich bereits umgezogen und trug nun eine grüne Tunika über Stoffhosen sowie Schnabelschuhe.
„Du trägst schon wieder Männerkleider“, erwiderte Malou nur, schlüpfte aus ihrem T-Shirt und warf sich ihr eigenes blaues Mittelalterkleid über. „Kein Wunder, wenn Noel dich kein zweites Mal ansieht, er wird dich für einen Knappen halten.“
Tess zog eine Grimasse. „Kann ja nicht jeder in Kleidern so gut aussehen wie du“, schmollte sie gespielt. „Los jetzt, lass uns endlich unseren Rundgang machen!“
„Sofort.“ Malou schnappte sich noch ihre Schalmei aus dem Rucksack und schob sie unter ihren Gürtel.
Während Malou und ihre Eltern aufgebaut hatten, war um sie herum der Markt emporgewachsen. Holzstände, Wikinger- und Ritterzelte in allen Farben, eine offene Schmiede und ein ganzer Feldbackofen. Und es kamen immer noch mehr Leute an, schleppten Waren zu ihren Ständen, führten Pferde über den Innenhof oder suchten verzweifelt nach ihrem Standplatz.
Malou liebte dieses Gewimmel. Trotz der vielen Menschen, die sich im Weg standen oder mit ihren Wagen die Durchfahrt blockierten, die teilweise übermüdet waren oder eine Autofahrt von vielen Stunden hinter sich hatten, herrschte eine lockere, fröhliche Atmosphäre. Niemand schrie sich an, kaum jemand schimpfte, stattdessen rief man sich quer über den Markt Grußworte zu, scherzte und lachte, selbst mit denen, die man erst an diesem Tag kennengelernt hatte. Es kam ihr jedes Mal so vor, als gehörte sie einer riesigen, chaotischen und etwas durchgeknallten Familie an.
Tess und Malou schlenderten Seite an Seite über das Gelände. Immer wieder mussten sie stehen bleiben, um alte Bekannte zu begrüßen. Eva, die Gewänder verkaufte, Nick vom Metstand, Isabelle und Mona, die Zuckerbäckerinnen. Adele rannte kreischend mit einer ganzen Schar von anderen Marktkindern an ihnen vorbei, von Raphael war nichts zu entdecken. Wahrscheinlich hatte er sich in irgendeine Ecke zurückgezogen und schmollte.
Es gab eine ganze Menge zu sehen. Hinter dem ersten Burghof schloss ein zweiter an, bereits voller Stände und Zelte, dahinter folgte eine kleine Parkfläche, wo der Turnierplatz abgesteckt worden war. In einer Koppel grasten mehrere Pferde, darunter auch Tess’ Stute Mirabelle. Malou warf einen etwas neidischen Blick zu dem Pferd hinüber. Zu gerne hätte auch sie reiten gelernt, aber ihre Eltern hatten nicht genug Geld, um so etwas zu bezahlen. Tess’ Großmutter dagegen besaß einen Reiterhof und hatte Malous Freundin das Pferd vor einigen Jahren offiziell „geschenkt“. Es stand zwar weiterhin meistens auf dem Hof, kam aber ab und zu mit auf einen Markt - nämlich dann, wenn Tess an den dortigen Reitervorführungen teilnehmen durfte. Und natürlich konnte Tess im Winter, wenn sie bei ihrer Oma lebte, genug Zeit mit dem Tier verbringen.
Tess folgte Malous Blick, sagte aber nichts. Sie kannte natürlich den Wunschtraum ihrer Freundin und wollte dieser nicht noch mehr Kummer bereiten, indem sie vom Reiten schwärmte. Stattdessen zog sie ihre Freundin schräg über den Platz auf die niedrige Holzbühne zu, die dort aufgebaut war. „Lass uns nach Noel sehen!“
Malous Herz schlug ein bisschen schneller, während sie auf die Bühne zuliefen. Ein paar bunt gekleidete Leute lungerten vor dieser im Gras herum und sahen einer Frau zu, die lässig mit fünf Holzkeulen jonglierte und sich gleichzeitig angeregt mit den anderen unterhielt. Malou erkannte unter den Zuschauern Tom und Natalie, zwei Mitglieder der Band, in der auch Noel spielte. Verstohlen sah sie sich um, ob sie auch ihn irgendwo entdecken konnte, aber er war weit und breit nicht zu sehen. Ein kleines bisschen enttäuscht trat sie zu den anderen. Vielleicht tauchte Noel ja früher oder später noch hier auf.
„Hallo, Malou.“ Natalie winkte ihr fröhlich zu. Ihr kurzes, schwarzes Haar fiel ihr in die Augen, und sie pustete es lachend beiseite.
„Hallo.“ Malou ließ sich neben der Spielfrau ins Gras fallen. Sie mochte Natalie. Zwar war diese schon über zwanzig, aber sie hatte Malou stets wie eine Gleichaltrige behandelt. Natalie war es auch gewesen, die sie dazu ermutigt hatte, Schalmei spielen zu lernen. Malou hoffte, dass sie eines Tages in der Band mitspielen konnte, und sie hoffte, dass Natalie sie bei diesem Wunsch unterstützen würde. Es wäre großartig, mit Noel zusammen auf der Bühne zu stehen. Irgendwann musste er sie ja schließlich einmal zur Kenntnis nehmen. Aber wo war er bloß abgeblieben?
Einige Minuten lang sah sie ebenfalls der jonglierenden Gauklerin zu, bevor sie so beiläufig wie möglich fragte: „Wo steckt eigentlich Noel?“
Natalie warf ihr einen verschmitzten Blick zu und zwinkerte. „Treibt sich hier irgendwo herum, denke ich.“ Malou spürte, dass sie rot wurde. Sie hatte das Gefühl, dass Natalie sie ganz genau durchschaute. Glücklicherweise verkniff diese sich einen Kommentar. Nur Tess kicherte nervös, aber das nahm Malou ihr nicht übel. Sie wusste, dass ihre Freundin genauso für den Spielmann schwärmte wie sie selber. Sie hoffte nur, dass das nicht eines Tages ihre Freundschaft verderben würde.
Jemand war hinter Malou. Obwohl sie keine Schritte gehört hatte, war sie sich dessen plötzlich sehr sicher. Sie konnte geradezu die Blicke in ihrem Rücken spüren. Dieses Gefühl ließ sie schaudern. Vorsichtig warf sie einen Blick über ihre Schulter.
Kaum einen Meter von ihr entfernt stand ein Mann und starrte sie unverwandt an. Er war ziemlich groß und hatte lange braune Haare, die ihm bis über die Schultern fielen. Gekleidet war er in eine blau-gelb gemusterte Spielmannstracht, und über seiner Schulter ragte der Hals einer Laute hervor. Als er Malous Blick bemerkte, lächelte er. Unsicher sah er dabei aus, schüchtern, fast kindlich. Seine Augen waren so blau, dass sie zu leuchten schienen.
„Hallo“, sagte Malou leise. Sie hatte einfach das Gefühl, irgendetwas sagen zu müssen, so, wie er sie ansah.
Wieder huschte ein Lächeln über das Gesicht des Mannes. „Hallo“, erwiderte er, trat näher und streckte ihr seine Hand entgegen. „Ich bin Milian.“
„Malou“, stellte sie sich vor und drückte die Hand. Auch Tess drehte sich jetzt zu dem Mann um und grinste ihn an.
„Ich bin Tess“, meinte sie und deutete auf seine Laute. „Du bist ein Spielmann? Ich glaube, ich hab dich noch nie gesehen.“
Er legte den Kopf etwas schief und sah aus, als müsse er scharf nachdenken. Es dauerte eine ganze Weile, bis er antwortete. „Ich war ein paar Jahre im Ausland. Früher bin ich ziemlich viel in Deutschland über die Märkte gezogen, aber da wart ihr wahrscheinlich noch nicht mal auf der Welt.“ Wieder lächelte er sein scheues Lächeln.
Malou runzelte die Stirn. Es passte ihr nicht, dass er so mit ihnen sprach, als wären sie Kleinkinder. Aber sie wusste auch nicht, was sie entgegnen sollte. Wenn sie ihn auf ihr Alter hinwies, würde das noch kindischer klingen. So nickte sie nur knapp. Der Typ war seltsam. Sie hoffte, er würde möglichst bald verschwinden.
Aber den Gefallen tat er ihr nicht. Stattdessen ließ er sich zwischen ihr und Tess auf dem Boden nieder und musterte erst ihre Freundin und dann noch einmal sie so gründlich, als wolle er sie mit den Augen verschlingen.
„Und wie lange fahrt ihr schon auf Märkte?“, fragte er. Es war eine ganz normale Frage, die Malou oft genug gestellt bekam, aber am liebsten hätte sie nicht darauf geantwortet, so merkwürdig sah Milian sie an.
„Seit ich auf der Welt bin“, antwortete sie widerstrebend, „dreizehn Jahre.“ Er nickte, als habe er das erwartet.
„Was machen denn deine Eltern? Sind sie Schausteller?“
„Sie verkaufen Holzgegenstände“, erwiderte Malou. „Sie schnitzen.“ Auf einmal hatte sie keine Lust mehr, sich zu unterhalten. Unvermittelt stand sie auf. „Wir wollten doch noch Noel suchen, oder?“, fragte sie in Tess’ Richtung.
Ihre Freundin zwinkerte ihr verständnisvoll zu und stand ebenfalls schnell auf. „Stimmt.“ Sie warf dem Spielmann noch ein „Wiedersehen“ zu, dann zog sie Malou in Richtung des Burghofs fort.
„Was für ein Freak“, murmelte Tess, als sie sicher durch den Torbogen waren. „Der hat dich vielleicht angestarrt. Ich wäre vorsichtig, wenn ich du wär.“
„Schon klar.“ Malou hatte keine Lust mehr, über Milian zu reden. „Lass uns zu Mona gehen und was zu Essen abstauben.“
Zehn Minuten später schlenderte Malou mit einer Tüte Apfelringe in der Hand zu ihrem Zelt zurück. Sie hatte Mona versprechen müssen, Raphael und Adele auch etwas abzugeben, und Versprechen hielt sie in der Regel.
Doch dann entdeckte sie Milian wieder. Zielstrebig steuerte er auf den Stand zu, wo ihre Mutter immer noch an der Auslage herumwerkelte. Malou sah, wie diese plötzlich aufblickte, sich zu dem Spielmann umdrehte und zusammenzuckte. Es schien fast so, als würde sie den Spielmann kennen. Allerdings hatte das Mädchen bisher geglaubt, von allen Marktbekanntschaften ihrer Mutter zu wissen. Im Endeffekt traf man immer wieder auf die selben Leute, wenn man den ganzen Sommer über auf Mittelaltermärkte fuhr.
Malou hielt inne und beobachtete die beiden. Milian stand nun mit dem Rücken zu ihr, aber sie konnte sehen, wie er auf ihre Mutter einredete. Die war ziemlich blass geworden und ein kleines Stück zurückgewichen. Besonders erfreut schien sie nicht zu sein, den Spielmann zu sehen.
Sie musste an die Sorgen ihrer Mutter denken. War Milian der Grund dafür? Vielleicht konnte sie es herausfinden. Leise machte sie sich daran, den Hof zu überqueren. Es war nicht besonders schwierig, ungesehen an den Stand heranzukommen. Der Hof war immer noch voller Leute, Lärm und halbfertiger Stände. Überall standen Autos herum, hinter denen Malou Deckung suchen konnte, auch wenn das eigentlich überhaupt nicht nötig war. Weder Milian noch ihre Mutter achteten sonderlich auf ihre Umgebung. Unbemerkt erreichte Malou die Treppe, die zum Turm hinausführte. In ihrem Schatten huschte sie hinter den Stand ihrer Familie. Nur ein paar Lagen Zeltbahn trennten sie nun von ihrer Mutter und Milian. Etwas gedämpft drangen deren Stimmen zu ihr.
„ … ist doch kein Zufall, dass wir uns gerade hier wiedertreffen. Bitte, Julia!“ Der Spielmann sprach eindringlich, beinahe flehend.
„Ich glaube nicht an Vorsehung, das weißt du doch.“ Die Stimme ihrer Mutter war leise, aber entschlossen. „Bitte lass mich in Ruhe, das ist alles Vergangenheit.“
„Aber du musst …“
Sie unterbrach ihn. „Ich muss überhaupt nichts. Ich bin dir zu nichts verpflichtet. Es tut mir Leid, was geschehen ist, aber es ist lange her. Ich dachte, du wärst längst darüber hinweg.“ Langsam wurde ihre Mutter mutiger.
„Wie kann ich das, wenn …“ Doch dieses Mal unterbrach Milian sich selbst. Einen Moment lang fragte sich Malou, warum, doch dann hörte sie die Stimme ihres Vaters.
„Julia? Wolltest du jetzt mitkommen zum Einkaufen? Ich hab Adele schon ins Auto gebracht, Raphael und Malou sind nirgendwo zu sehen, aber die können bestimmt auch mal eine halbe Stunde alleine hierbleiben.“
„Ich bin sofort da“, antwortete Malous Mutter. Einen Moment lang herrschte Schweigen. Dann, so leise, dass Malou sie kaum verstehen konnte, sagte ihre Mutter noch etwas. „Bleib bloß von meinen Kindern fern!“